
Gemeinsam geht's besser. Das gilt auch für die Netzplanung. Bei der regionalen Koordination sprechen sich daher die verschiedenen Infrastrukturbetreiber und die kantonalen Behörden frühzeitig ab und entwickeln zusammen eine optimale Lösung für das Stromnetz der Zukunft. Welche Vorteile dies bringt, zeigt ein erfolgreiches Projekt im Tessin. Nun wird der Ansatz auf weitere Regionen der Schweiz übertragen.
Alpine Solaranlagen, Windparks und bei Bedarf auch Gaskraftwerke. Die Schweiz baut ihre Kapazitäten für die einheimische Stromproduktion aus. Damit der produzierte Strom abtransportiert werden kann, muss die Netzinfrastruktur erneuert, modernisiert und wo nötig verstärkt werden. Bisher dauern die Bewilligungsverfahren für diesen Um- und Ausbau der Stromnetze allerdings wegen Einsprachen und Gerichtsverfahren sehr lange, vor allem bei den Übertragungsnetzen.
Mit dem sogenannten «Netzexpress» – einer Gesetzesvorlage zum Aus- und Umbau der Stromnetze – will der Bundesrat die Verfahren und somit die Netzerneuerung beschleunigen. Ein wichtiger Punkt der Vorlage: Durch die regionale Netzkoordination sollen Infrastrukturprojekte effizienter geplant werden können. Konkret bedeutet das: Swissgrid und die Verteilnetzbetreiber beziehen die betroffenen Kantone, weitere Infrastrukturbetreiber wie zum Beispiel die SBB sowie die Bundesämter für Strassen und Verkehr frühzeitig in die Planung ein. So erkennen die Beteiligten gegenseitige Beeinflussung und allfällige Potenziale für Bündelungen. Gemeinden und Umweltverbände können ebenfalls informiert und in die Lösungsfindung involviert werden.
Ziele der regionalen Netzkoordination
Bisher haben die Netzbetreiber ihre Netze separat geplant und höchstens einzelne Projekte im Rahmen der Planungs- und Genehmigungsverfahren koordiniert. Nun wird die regionale Netzkoordination vorgelagert.
Übergeordnetes Ziel ist es, ein bedarfsgerechtes, umweltverträgliches und volkswirtschaftlich effizientes Hoch- und Höchstspannungsnetz zu gewährleisten. Die enge Zusammenarbeit aller betroffenen Akteure soll dafür sorgen, dass Planungsschritte besser abgestimmt, Synergien bei der Raum-, Umwelt- und Netzplanung genutzt, die nachfolgenden Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt und Kosten gespart werden.
Das Resultat der regionalen Netzkoordination: weniger Leitungstrassees, eine Entlastung von Landschaft und Siedlungsgebieten sowie ein verstärktes, besseres Stromnetz.
Philippe Meuli
Vorteile für alle Beteiligten
Gegenüber den bisherigen unabhängigen Planungsprozessen der einzelnen Infrastrukturbetreiber hat die regionale Netzkoordination unter anderem folgende Vorteile:
- Regionale Gesamtsicht erleichtert Kompromisse
- Bündelungspotenziale werden erkannt, dadurch weniger Leitungstrassees
- Widersprüche zwischen kantonalen Richtplänen und der Netzplanung der Infrastrukturbetreiber werden vermieden
- Vereinfachte Genehmigungsverfahren
- Geringerer Ressourcenaufwand aller beteiligten Akteure für die Bewilligungsverfahren, da die Abstimmung frühzeitig und kooperativ stattfindet
Statt drei Trassees braucht es im Tal nur noch zwei und gleichzeitig verbessert sich dank der Verteilung der Systeme die Robustheit der Netze aller drei Netzbetreiber.
Marc Vogel
Marc Vogel, Netzexperte bei Swissgrid, macht ein Beispiel: «Stellen Sie sich ein Schweizer Tal vor, in dem es bisher drei unabhängige Stromtrassees gibt: Masten mit den Leitungen des Verteilnetzes des Kantonswerks, Masten mit den Leitungen des Übertragungsnetzes von Swissgrid und Masten mit den Transportnetzleitungen der SBB. Im Rahmen der regionalen Netzkoordination legen diese Akteure zwei gemeinsame Trassees fest. Auf beiden sollen Leitungen von allen drei Unternehmen verlegt werden. Das bedeutet: Statt drei Trassees braucht es im Tal nur noch zwei und gleichzeitig verbessert sich dank der Verteilung der Systeme die Robustheit der Netze aller drei Netzbetreiber.»
Prozess mit drei Phasen
Der Prozess der regionalen Netzkoordination verläuft in drei Phasen:
1. Initialisierungsphase
In dieser Phase lernen sich die Beteiligten kennen, legen die Projektorganisation fest, bestimmen die Verantwortlichkeiten und entwickeln gemeinsame Ziele. «Alle Beteiligten müssen verstehen, worum es bei der regionalen Netzkoordination geht und dass sie im gleichen Boot sitzen», sagt Marc Vogel.
3. Zielnetzbildung und Etappierung
Nun skizzieren die Beteiligten das sogenannte Zielbild für die Netzentwicklung. Sie beschreiben, wie die Netze langfristig – zum Beispiel in 30 bis 40 Jahren – aussehen sollen. Gestützt auf das Zielbild werden die neuen Trassees festgelegt. Danach bestimmen die Infrastrukturbetreiber, in welchen Etappen und Unterprojekten sich dieses Zielnetz am besten realisieren lässt.
Nach der regionalen Netzkoordination beginnt die Umsetzung der einzelnen Projekte mit dem jeweiligen Genehmigungsprozess. Dabei ist mit weniger Einsprachen zu rechnen, weil schon vorher mehrere Akteure involviert waren.
«Studio Generale» als Pionierprojekt
Die Schweizer Pionierregion für die regionale Netzkoordination ist das Tessin mit dem Projekt «Studio Generale». Bereits im Jahr 2013 gründeten der Kanton Tessin, Swissgrid, die SBB und die Azienda Elettrica Ticinese (AET) dafür eine neue Arbeitsorganisation. Das Ziel lautete, eine koordinierte Lösung für künftige Stromleitungsprojekte und die Raumentwicklung zu erarbeiten. Durch die Zusammenarbeit liessen sich Ansätze verfolgen, die sonst nicht möglich gewesen wären. Dazu gehört auch die Bündelung von Infrastrukturen. Als Folge konnte sowohl die Länge der Stromleitungen in diesem Gebiet als auch deren Auswirkungen auf die Landschaft reduziert werden. Für die Bevölkerung verbessert sich die Situatio essenziell, da durch die Bündelung auch Siedlungsgebiete entlastet werden.
Probleme gehören auf den Tisch, damit sie gemeinsam gelöst werden können.
Philippe Meuli
Philippe Meuli hat «Studio Generale» seitens Swissgrid von Anfang an betreut. Welche Erkenntnisse nimmt er mit? «Erstens zählt in einem solchen Projekt eine transparente Kommunikation: Probleme gehören auf den Tisch, damit sie gemeinsam gelöst werden können. Zweitens haben sich die ursprünglichen Ideen am Schluss meist nicht als die besten Lösungen erwiesen. Gefragt ist also Offenheit im Denken. Und drittens: In diesem Prozess gibt es keine Abkürzungen. Wenn ein Schritt länger dauert als erwartet, ist das letztlich gut investierte Zeit.»
Methode auf andere Regionen übertragen
«Studio Generale» hat gezeigt: Die regionale Netzkoordination vereinfacht wie erhofft die Bewilligungsverfahren und trägt so zur erfolgreichen und effizienten Umsetzung von Netzprojekten bei. Deshalb sollen die positiven Erfahrungen aus dem Tessin nun auf andere Regionen in der Schweiz übertragen werden.
«Um zu ermitteln, wo eine regionale Netzkoordination sinnvoll ist, werden ab 2025 in einer Karte alle grossen Projekte zum Ausbau der Strom-, Strassen- und Schienennetze eingetragen», erklärt Marc Vogel. «Auf dieser Basis wird leicht ersichtlich, wo es allfällige Synergien wie zum Beispiel Stromleitungen in Tunnels oder die Zusammenlegung von Trassees gibt.» Regionale Netzkoordinationen werden also in weiteren Regionen der Schweiz initialisiert, wo ein Potenzial für die Bündelung von linearen Infrastrukturen besteht.